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Zu dem noch ungedruckten & unveröffentlichten Buch  "Grenzgänger - Auf Messers Schneide"

Zum Inhalt dieses Buches

 

Dieses Buch erzählt in einem teilautobiografischen Roman aus dem Werdegang und der sehr besonderen Sozialisation eines jungen Mannes befasst sich im Wesentlichen mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, mit der darauf folgenden „Ära Adenauer“, den gesellschaftlichen Bedingungen der jungen und lange noch postfaschistisch geprägten Bundesrepublik.

Das Besondere an der Perspektive dieses Kindes, des später pubertären Knaben und Heranwachsenden ist die Tatsache, dass er sich stark zu Männern hingezogen fühlt.

Zuerst ist er verwirrt und glaubt, er sei der Einzige auf diesem Erdball, der so fühlt und kommt mit den daraus entstehenden Turbulenzen und Konflikten gar nicht zurecht.

Das weiterhin Besondere an dieser Geschichte ist, dass er ein „Bastard“ ist.

Er ist das außereheliche Kind einer verheirateten deutschen Frau mit einem britischen Armeeangehörigen, deren Mann zu der Zeit in Kriegsgefangenschaft in Nordafrika gehalten wird.

Dieser Teil der Geschichte endet damit, dass der Protagonist sich äußerst verunsichert  trotzdem aufmacht, sein eigenes Leben zu suchen und zu gestalten. Er empfindet sich dabei aber als Einer, der gezwungener Maßen und nicht aus freiem Willen heraus, ständig Grenzen überschreiten muss, um ansatzweise die Stillung eigener Bedürfnisse zu versuchen.

 

 

Lieber Leser !

Anstelle eines Vorwortes     Vorsicht! Verletzungsgefahr!

Das Lesen dieses Buches und seiner Folgebände geschieht auf eigene Gefahr!

Es könnten verletzt werden:

Dein sittliches, moralisches, religiöses und sonstiges Empfinden.

Eine Haftung von Seiten des Autors ist ausgeschlossen!

Zuvor:

Ich werde nicht so schreiben, wie sie es mir dringend anempfohlen haben.

Sie wollen immer alles möglichst spektakulär, denn nur was auffällt, wird wahrgenommen.   

Sagen sie.

Das ist eine fürchterliche Zeiterscheinung.

Das ist das Ergebnis der Inflation des Wortes als   eine Form der  Reizüberflutung.

Ich werde keine “schnelle” Sprache verwenden, keine “junge” und auch keine “starke” oder sonst wie „ge-styl-te“. Ich werde mich bemühen, so zu reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist –

und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen.

Ich werde Dich unverblümt mit dem konfrontieren, was auch mich unmaskiert und ohne “Weichzeichner” zum Teil schwer geschockt, erfreut, geformt, geprägt, beschädigt, verbogen, entwickelt oder sonst wie beeinflusst hat.

 

Dieses Buch wird alles sein:

Komödie, Zeitdokument, Drama, Reportage, Melodram, erotisches Lesebuch und vieles mehr.

Es wird, vom chronologischen Ablauf abgesehen, brüchig und glatt sein, vollständig und lückenhaft, rund und eckig, wahr und erdichtet, abstoßend und anziehend.

 

Wenn ich sage, dass dies ein autobiographischer Roman ist, so lasse ich mir trotzdem die Freiheit, Menschenbilder aus anderen Leben zu integrieren. Und (leider - ?) habe ich auch nicht jede Gemeinheit und jede „Schweinerei“ tatsächlich selbst begangen. Aber sie sind passiert und nicht einfach nur das Produkt meiner seltsamen Phantasie.

Gegenüber der Zeit von vor einigen Jahren ist heute meine Hauptmotivation zum Schreiben auch nicht mehr die, das mir zugefügte Unrecht hinauszuschreien, anzuklagen. Das war vielleicht vor meiner Therapie so und sicher der Hauptauslöser, dass ich mich überhaupt an den Schreibtisch gesetzt habe.

Jetzt geht es mir vielmehr darum, aus meiner Sicht aufzuzeigen, was Mensch und Menschsein in dieser sich mehr und mehr deviatierenden "abendländisch ‑ christlichen Zivilisation" an Bildern erzeugen kann.

Und wie, zum Beispiel bei mir, ein Bilderalbum mit den verschiedensten Kapiteln, Facetten und Sichtweisen entstehen, aussehen kann.

 

Peter T. Boitel

 

P.S.

Mit Rücksicht auf die allzu „zart besaiteten“ Leser haben wir im Buch die Anteile der jeweiligen Geschichten, die je nach Interpretation vielleicht zu weit in den Bereich der Pornographie reichen, in den Anhang gestellt. Für den Autor ist Pornographie kein „Schmuddelkram“, sondern der Versuch des Menschen, sich auch hier sich ein (lustvolles ?) Bild von der Welt zu machen.

Gemeint ist die Welt, in der es nichts gibt, was es nicht gibt..

Wie in vielen Bereichen ist es eine Frage der „Verwendung“, ob dies von Nutzen oder Schaden für den Einzelnen ist.

Ergo:

Ob Du lieber Leser gewillt bist, Dich mit der „vollen Wahrheit“ zu konfrontieren –

oder eben nur mit Extrakten daraus – das bleibt dann Deine Entscheidung.

Ich jedenfalls wünsche Dir jede Menge Leselust, Freude, Bereicherung, Sinnlichkeit, etc...

 

P.T.B.

 

Leseprobe

1.       Charlotte      1919 – 1946                                                             S.11-21

                                                                                                                  

Charlotte Thea Helene Emma, geb. Schmidt ,geschd. ,geschd., geschd., geschd. ,verw.

Sie, meine biologische Mutter und Miterzeugerin wurde in Oberschlesien geboren.

Heute heißt dieses Städtchen Kattowyce. Ich bin nie dort gewesen.

Dort verlebte sie ihre Kleinkind‑, Kinder‑ und Jungmädchenjahre, besuchte ein katholisches Lyceum und ließ sich von ihren Freundinnen und den sie erziehenden Ordensschwestern weismachen, das Kind im Mutterleib nähme ganz "automatisch" seinen Anfang, sobald sich Mann und Frau vor dem Altar Gottes das "Ja"‑Wort gegeben haben.

Charlotte, so wird der Leser noch feststellen, ließ sich nicht sehr viel Zeit damit, den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu überprüfen.

Ein Zyniker ist der, welcher beim weiteren Lesen anmerkt, auch erste Versuche hätten sie offensichtlich noch nicht restlos überzeugt.

Im weiteren Verlauf der Mädchen‑ und Jugendjahre übersiedelte die Familie nach Lübeck, weil der Vater hier beruflich größere Chancen beim Hochofenwerk in Schlutup hatte.

Das muss so Anfang der Neunzehnhundet-Dreißiger Jahre gewesen sein.

Weiter scheint es, als hätten diese Chancen gehalten, was sie ursprünglich verhießen, denn schon bald wohnte man nahe den Wakenitzwiesen in der Hüxtertorallee, hatte sowohl einen Dienstwagen als auch ein Dienstmädchen und einen Dobermann. Und es ist nicht sehr in Zweifel zu ziehen, dass das “richtige” Parteibuch ebenso dazugehörte.

 

*

Charlotte hatte einen Bruder, den sie aber immer und zu jeder Gelegenheit als "lasch" und charakterschwach zitierte.

Durch dieses anständige und gutbürgerliche Haus, in dem sie allesamt ihre temporäre Bleibe hatten, wehte der neue Geist jener Ideologie, die Unbedarften und Harmlosen sicher anfangs wie ein neues Evangelium vorkommen musste.

Auch Charlotte beteuerte in späteren Jahren immer wieder, dass sie alle zu Beginn ehrlichen Glaubens gewesen seien, dass hier ein guter und hoffnungsvoller Neuanfang zu erwarten war. Sie  hat  allerdings  nach eigenen, oft wiederholten Bekundungen, auch erst nach Beendigung des Krieges davon erfahren, dass es Konzentrationslager und verfolgte Volksgruppen und Minderheiten gab.

Der zweite Geist, der Hand in Hand mit ersterem dieses Haus beseelte, war eine alles besetzende, alles bestimmende, aber auch erdrückende elterliche Liebe, die aus dem Haus eine regelrechte Festung, eine Trutzburg machte.

Charlotte und ihr Bruder Helmuth waren die überbeschützten und überbehüteten Kinder, die nichts außerhalb dieser Burg durften und von allem abgeschirmt wurden. Darin waren sich die Eltern seltsam einig, die ihre Sprösslinge abgöttisch liebten und ihnen fast jeden materiellen Wunsch von den Augen ablasen.

Auf jeden Fall sagt Charlotte das von ihrem Vater.

Von der Mutter  wurde sie schon mal in Liebe (oder in Rivalität?) gezüchtigt. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Die schlimmste Geschichte, die Charlotte (regelmäßig) aus ihrem Elternhaus erzählte, war die, dass es eines Heiligabends Karpfen gab. Soweit sie sich erinnern konnte, war ihr Kochfisch höchst zuwider. Nicht nur des Geschmackes wegen, sondern auch aus Angst vor den Gräten und daraus folgernd potentiell unbotmäßigem Verhalten bei Tische.

Nun war der „unselige Karpfen“, wie Charlotte ihn in ihren Erzählungen immer nannte, leider eiserne Tradition am Heiligabend.

Helmuth würgte ihn hinunter, so gut er konnte.

Charlotte war diesbezüglich nicht so erfolgreich.

Jedenfalls erbrach sie an festlich geschmückter Tafel mit weißem Seidendamasttischtuch und silbernen Kerzenleuchtern und kristallenen Gläsern vor der ganzen Familie auf ihren Goldrandteller.

Zum ersten und einzigen Mal in ihrem Leben vergaß sich ihr sonst so liebevoller Vater ihr gegenüber, zerrte sie nach oben in ihr Zimmer, zog seinen Gürtel aus der Hose und verdrosch seine einzige Tochter damit.

Doch nicht genug: Sie bekam Anweisung, an diesem Abend ihr Zimmer nicht mehr zu verlassen. Ohne Essen, ohne Weihnachtsbescherung musste sie sich allein in den Schlaf weinen. Und was hat sich Charlotte in jener Nacht geschworen?:

"Wenn ich je Kinder haben sollte, so werde ich sie nie zwingen, etwas zu essen, was sie nicht mögen." Ein wichtiger Grundsatz, dem sie tatsächlich nie untreu geworden ist, soweit ich das beurteilen kann.

Charlotte muss aus einem anderen Holze gewesen sein, wie sie ja auch immer wieder beteuerte, wenn sie den Unterschied zwischen sich und ihrem Bruder darstellte. Er war ein Weichling, ein Jammerlappen, der es nie zu einem eigenen oder gar festen Willen gebracht hatte. Nicht umsonst ist er in den Fünfzigern mit Frau und Kindern nach  Australien ausgewandert und dort auch bald  vorerst für einige Jahre verschollen.

Nein, Charlotte war da ganz anders und ertrug dieses überbehütende Elternhaus nur schwer.

 

*

So kam es, dass sie siebzehnjährig, wie auch immer, einem jungen Mann anheim fiel, wovon sie neun Monate später ein Kind gebar. (Heißt es deshalb „gefallenes Mädchen“?)

Dieses kleine Kind verstarb schon nach Tagen, während das große fast den Glauben an diese Welt verlor.

Der Säugling war nämlich mit einem offenen Rücken  geboren worden und die Ursache dafür, so versicherte der Professor im Krankenhaus Charlottens Vater, war eine Syphyllis, die der  Hallodri ihr zugetragen hatte. Zu allem Überfluss hatte er sie auch schon bald nach der Erstimprägnation ohne Heirat zurückgelassen. Ja, so enden zuweilen Ferienerlebnisse, obwohl oder gerade weil man ein sorgsam behütetes Kind der gutbürgerlichen Gesellschaft ist.

Gern kehrte Charlotte freiwillig in den goldenen Käfig des Elternhauses zurück, wo sie sich in der ersten Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt sicher und geborgen fühlte.

Die Eltern waren insofern unzeitgemäß fortschrittlich ‑ liberal, als sie die Tochter tatsächlich nicht verstießen, sondern sie wieder in die Burg samt Frieden aufnahmen, aber doch danach trachteten, sie nun doch sobald wie möglich standesgemäß unter die Haube zu bringen. Was ob der viel zu früh und viel zu unehrenhaft auf dem Lande verlustig gegangenen Unschuld gar nicht so leicht war.

Das vernunftgeleitete Streben der Eltern wiederum hatte Charlotte in Panik versetzt ‑ und so kam sie bald mit einem neuen selbsterwählten Bräutigam ins Haus. Zähneknirschend wurde der eingelassen, mehr toleriert, denn akzeptiert. Durchkreuzten diese beiden Kinder gemeinsam doch gründlich Vaters Pläne von einer Verheiratung seiner Tochter mit einem wohlsituierten Parteigenossen.

Nach einer dann doch von den beiden Elternpaaren standesgemäß ausgestatten Hochzeit verlor sie allerdings zuerst das Kind noch vor dem Gebären und darauf den Mann, der, wie sie erzählte, allerdings nichts weiter als ein brutaler und infantiler Alkoholiker war.

(Dies ist die Version aus den sechziger Jahren, die in den Achtzigern dahingehend variiert wurde, dass das Kind aus dieser Ehe sehr wohl lebt, in Freiburg ansässig ist und mit Namen Hans derzeit auf meinen Besuch wartete.)

Nun, auch zum zweiten Mal wurde Charlotte der Rückweg geebnet und die Folgeschäden soweit wie möglich begrenzt, was den gesellschaftlichen Ruf anbetraf. Irgendwie hat das aber nicht so ganz geklappt, denn Charlotte galt in der Nachbarschaft doch schon eher als enfant terrible, vor der die Mütter ihre heiratsfähigen Söhne eindringlich warnten.

Noch einmal bewies Charlotte, dass sie nicht die Mentalität ihres Bruders hatte und startete einen dritten Versuch, die erstickende Enge der Familienburg in Richtung Freiheit zu verlassen. Ihre Bemühungen sollten bald belohnt werden. Diesmal ging sie einer maritimen Vorliebe nach und erinnerte sich daran, dass es in Schlutup eine Marineschule gab. Dreiundzwanzigjährig fand sie dort den Offiziersanwärter Gerhard, der ihr wirklich versprach, sie auf Händen zu tragen. Davon gebar sie 1944 ihren ersten gesunden Sohn, den sie Klaus nannte. Schon zu seiner Geburt war ihr Mann im Krieg, bald darauf verschollen.

 

*

Nun begannen die Ereignisse sich zu überschlagen:

Der "Endsieg" war um diese Zeit nicht mehr fern – wessen auch immer...

Im April ’45 kam Charlotte eines Tages zwischen zwei Luftangriffen ins elterliche Haus zurück, nicht ahnend, dass sie dort sogleich einen grausigen Fund machen sollte. Sie stellte den Kinderwagen vor der Außentreppe des Hauses ab und wunderte sich, dass ihr alles so ruhig vorkam.

Normaler Weise war es so, dass ihre Mutter sie schon oben an der Haustür erwartete und bei Charlottes Erscheinen freudig die Treppe hinab lief, um gemeinsam mit ihr den Kinderwagen ins Hochpaterre zu tragen.

Heute jedoch rührte sich nichts.

Instinktiv ließ Charlotte den Säugling schlafen, eilte die Treppe hinauf. Noch bevor sie die Tür aufriss, schien sie Gasgeruch wahrzunehmen und die absurdesten Fantasien schossen ihr durch das Gehirn. Gas! Tatsächlich!

Sie holte einmal tief Luft, stürzte, so gut wie ohne zu denken, ins Haus und in die Küche, riss Fenster und Türen auf und rannte wieder hinaus. Während sie sich zwang, dort die Ewigkeit von ca. drei Minuten zu warten, erwog sie die Möglichkeit, dass die Eltern gar nicht im Haus waren und eine Gasleitung gebrochen war. Eine zweite Möglichkeit mochte sie nicht in Betracht ziehen ‑ zog es vor, mit einem Riesenklumpen Blei im Magen das Haus erneut zu betreten.

Sie hatte die Beiden in der Küche gefunden, die Köpfe fast noch in der Backröhre des Herdes.

Kein Abschiedsbrief ‑ gar nichts. Die Zeit ihres Lebens überversorgte Charlotte war von einem Moment auf den anderen mutter ‑ und vaterseelenallein auf diesem Erdball, allerdings mit einem Bruder (der immer noch äußerst unselbständig und labil war), mit einem hilflosen Kleinkind und mit einem unter Rommel verschollenen Ehemann, von dem niemand so recht glaubte, dass er jemals wieder auftauchen würde.

Alles Nachfolgende - Bestattung, Trauerfeier und dergleichen hatte sie verdrängt, alle Formalitäten versanken im Sumpf des Schocks, unter dem sie wochenlang stand. Angereiste Verwandte und ihre beste Freundin Irmchen halfen ihr, dasjenige vom Eigentum der Eltern, was ihr wert und teuer war, in ihr Haus in Herrenwyk zu schaffen. Dort musste sie den Untermietern kündigen, um jetzt ihren Bruder bei sich aufzunehmen, der dringender denn je einen  Halt brauchte.

Über Jahre hin hegte sie einen harten Groll gegen ihre Eltern, die sie auf diese Weise und in diesen harten Zeiten so einfach im Stich gelassen hatten. Das wiederum verursachte ihr permanent schwelende Schuldgefühle.

"Aber die Zeiten damals waren anders",  sagte sie gern, wenn sie davon erzählte,

"man hatte gar nicht die Zeit, sich seinem Seelenleben und seinen Wehwehchen hinzugeben. Jeden Tag galt es, ums einfache Überleben zu kämpfen. Die Winter waren damals hart und es gab nichts zu heizen und nichts zu beißen. Da war man den ganzen Tag über damit beschäftigt, das jeweils Fehlende zu organisieren ‑ oder etwas anderes, das man dann gegen das Benötigte eintauschen konnte."

 

*

So zog Charlotte mit Irmchen, mit Fahrrad und Kinderwagen übers Land und erbot sich, den Bäuerinnen die Haare zu machen. Den Beruf der Friseuse zu erlernen, hatte sie zum Leidwesen ihrer Eltern schon vor dem Krieg durchgesetzt. In deren Augen war das kein standesgemäßer Beruf gewesen. Entlohnung für die Frisierkünste gab es dieser Tage vorzugsweise in Naturalien, denn für Geld gab es kaum etwas zu erwerben.

Klaus musste mit dabei sein, um den Charme aus seinen braunen Augen direkt auf die Kundinnen zu versprühen. Dazu brauchte man ihn gar nicht auffordern, er war ein äußerst liebenswertes und unproblematisches Kind.

(Im Gegensatz zu mir, wie ich mir Jahre später unzählige Male anhören musste.)

Außerdem war das Schieben eines Kinderwagens über Land wirklich nur unverdächtig, wenn da auch wirklich was Kleines drin war. Es war nämlich bei Strafe  verboten, auf privatem Wege Lebensmittel, gleich welcher Art, vom Lande in die Stadt zu schaffen. Diese gab es bekanntermaßen schon seit längerer Zeit kärglich bemessen und nur auf Lebensmittelkarten.

So saß also eines Abends ein quietschvergnügter Klaus, ohne es recht zu wissen, auf ein paar Kartoffeln oder Gemüse, seltener mal auf einem Stück Wurst, Speck oder gar Schinken. Andere Ausflüge, als Spaziergänge getarnt, hatten den Zweck, im nahen Wald Reisig zu sammeln, wenn das Heizmaterial mal wieder vor der Zuteilung der nächsten Ration alle war.

Selten kam es vor, dass Klaus auch an spätabendlichen Ausflügen teilnahm. Diese führten dann meist zum Bahndamm, wo beim Umladen der Kohle viel davon zwischen den Gleisen liegengeblieben war. Natürlich war das manipuliert und natürlich ging das durch bestimmte Nachrichtenkanäle blitzschnell an die richtigen Leute, so dass nach Einbruch der Dunkelheit kleine Völkerwanderungen stattfanden, die, soweit noch möglich, leise und unauffällig mit Behältnissen und Fahrzeugen aller Art sich auf den Nachtweg machten.

Geschichten aus den "schlechten Zeiten" waren in den ersten Wirtschaftswunderjahren hoch favorisiert und jeder hatte etwas zu erzählen ‑ will heißen, natürlich auch zu verarbeiten, denn die persönlichen und auch materiellen Verluste aus den Kriegsjahren waren bei Weitem noch nicht verwunden.

An dieser Stelle muss ich zugeben, dass Charlotte eine Meisterin des Erzählens sein konnte. Da bestimmte Geschichten auch neuen Bekannten und Freunden irgendwann mal erzählt werden mussten und ich zumeist dabei war, ist mir noch so manche Episode haften geblieben...

 

*

"Ja, also das war noch zu der Zeit, als ich mit Kläuschen und Helmuth in Herrenwyk wohnte. Später, als die Tommies kamen, haben sie das Haus ja requiriert und uns in eines dieser Behelfsheime in Kücknitz gesteckt.

Nun, jedenfalls, wir haben ganz fürchterlich gehungert und gefroren. Auch wenn ich mit Irmchen mal was organisiert hatte, das hat nie lange vorgehalten. Der Helmuth, das war ja auch so ein Aas, der hat doch dem Lütten glatt mal das letzte Milchpulver geklaut und es dann sogar noch abgestritten.    Ja, und dafür musste er dann auch schon mal Wiedergutmachung leisten.

Wir hatten durch die Flüsterpropaganda mitbekommen, dass in Schwartau ein Lager mit Getreide nicht sehr gut bewacht wird und mit Tricks auch gut ranzukommen ist.

Also sagte ich zu Helmuth: Jetzt zeigst Du mir mal, dass Du nicht nur Zigaretten und Schnaps besorgen kannst, die Du ja sowieso meist nur für Dich und Deine Freunde brauchst und tust Du mal was für Deine ganze Familie, nimmst einen oder zwei Deiner zuverlässigsten Kumpane mit und guckst mal, ob und was es da zu organisieren gibt.

Na, die ziehen ja auch im Düstern los und nachts, so gegen zwei muss das gewesen sein, knarrt und kratzt die Kellertür. Und dann kommen sie auch gleich nach oben, Helmuth und Friedel, was wohl einer seiner besten Freunde war. Nee, der war auch in Ordnung, der Friedel. So richtig auf'm Kien war der, da hätte Helmuth sich noch 'ne Scheibe von abschneiden können. Und ein bildhübscher Bengel, sag ich Dir. Dunkle gelockte Haare und fast schwarze Augen, aus denen irgendwie immer so der Schalk blitzte ‑ jedenfalls, wenn er mich ansah. Und eine Haut ‑ wie Schneewittchen, ja ...

Ja ‑ wo war ich stehengeblieben? Ach so, ja, Mais haben sie mitgebracht, sagen sie, so richtigen Gemüsemais. So'n bisschen trocken, aber nicht hart. Das musst Du dir mal vorstellen: Wir drei da morgens um zwei mit einem Sack Maiskolben im Bett. Und wir hatten doch so'n fürchterlichen Hunger. Wir haben gefuttert, bis wir nicht mehr konnten. Muss 'n Bild für die Götter gewesen sein! Jaja, ich kann Dir sagen! –

(Und dann lacht sie und lacht, bis ihr die Tränen runterkullern, um fortzufahren mit der Geschichte, als sie sich dann wieder beruhigt hat und mit den Händen die Tränen weggewischt.)

Ja, aber die Überraschung kam ja erst am nächsten Morgen, als es dann hell war. Und weißt Du warum? Stell Dir vor, wir hatten doch immer nur stundenweise Strom und der war nachts ausgeschaltet. Kerzen hatten wir schon lange nicht mehr. Außerdem schien der Mond hell genug. Dachten wir jedenfalls.

Morgens wachen wir also auf: Überall krabbeln Maden um uns herum. Mir war das so ekelhaft, ich hab den ganzen Mais postwendend zur Toilette gebracht. Den aus meinem Magen mein' ich. Und wir haben uns noch gewundert, nachts mein' ich, dass der so gut rutscht. Naja, das war denn die Fleischeinlage. - Ja, und den Mais haben wir dann an Nachbarn verschachert. Die hatten so ein bisschen Kleinvieh. Und dem haben die Maden auch bei Tageslicht nichts ausgemacht. Im Gegenteil!"

Und dann saß sie da und lachte und lachte und dann kamen ihr wieder die Tränen, die sie aber sogleich abwischte, um wieder zu lächeln.

 

*

Es war damals wirklich schlimmer als im Wilden Westen (Oder nach der "Wiedervereinigung" im "Wilden Osten") und eines Nachts sollte es wieder eine, wenn auch nicht so erfreuliche Gelegenheit geben, bei der die Kellertür kratzte und quietschte. Schutz dagegen gab es kaum. Die Männer waren im Krieg, In den Wirren dieser letzten Kriegswochen und Monate war die öffentliche Ordnung in manchen Bereichen total zusammengebrochen.

Charlotte und Helmuth hatten davon gehört, dass die Polen, oder auch "Polacken", wie man sie hier wenig liebevoll nannte und die hier ehemals als Gastarbeiter in der Rüstungsindustrie arbeiteten, sich mittlerweile aufs Plündern verlegt hatten. Frauen gingen abends grundsätzlich nicht mehr nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straße und jedermann und erst recht jede Frau schlossen vorm Schlafengehen gründlich Haus und Hof ab. So auch in Herrenwyk.

In alte Seegrasmatratzen, die "antiken" Vorläufer der heute so modernen Futons, nähten die Menschen alles Wertvolle ein, vom Familienschmuck in Granat und Aquamarin bis hin zum Tafelsilber. Warum sie es nicht in einem Banksafe unterbrachten? Nun erst Mal war das ein Privileg, das den wirklich Reichen zustand und außerdem:

Was, wenn diese Bankfiliale einem Bombenangriff zum Opfer fiel?

Sie versuchten, so gut es ging, diese Matratzen im Keller zu verstecken, packten Kisten voll mit Eingemachtem darüber und Koffer mit ausrangierter Kleidung. Dann wurde alles gründlich verriegelt und verrammelt.

In jener Nacht nun kratzte und quietschte erneut diese Kellertür, die vom Garten über einen Niedergang in das Kellergeschoss des Hauses führte ‑ und von diesem Geräusch wachte Charlotte auf. Ihr Bruder, der seit dem Tod der Eltern fast ausnahmslos neben ihr im Ehebett schlief, schnarchte leise vor sich hin. Sie stieß ihn an, hielt ihm aber gleichzeitig den Mund zu.

Was tun? Eigentlich konnte man sich nur ruhig verhalten. Helmuth schlich aus dem Bett, wobei trotzdem ein paar Federn des Spiralrahmens quietschten und schob und hob möglichst leise die Kommode vor die Schlafzimmertür unter den Türdrücker.

Dann schlüpfte er wieder unter die warme Bettdecke. Wie zwei verängstigte kleine Kinder schmiegten sie sich aneinander. Charlotte ahnend, dass sie wohl von Helmuth keinen Beistand zu erwarten hätte und Klaus friedlich in seinem Wiegebettchen schlummernd.

Sie hörten leise Geräusche und Scharren und schon mal Stimmengemurmel, dann einmal ein Poltern. An das Telefon kamen sie nicht heran, das stand im Flur auf einem Bänkchen. Und wer weiß, ob es überhaupt in Funktion war.

Zwar hörten sie keine Geräusche vom Erdgeschoss her, aber keiner hatte den Mut, dort hinunter zu schleichen. Offensichtlich machte sich dort auch weiterhin niemand zu schaffen. Die Plünderer, oder wer da unten auch immer sich aufhielt, hatten wohl gefunden, was sie suchten.

Irgendwann sind beide dann wieder eingeschlafen. Jedenfalls hat niemand gehört, ob und wann die Banditen sich denn wieder entfernt hätten. Und nun graute schon der Morgen.

Was tun? Waren die Einbrecher doch noch da unten? Charlotte und Helmuth hatten nicht einmal die einfachsten Waffen, wie etwa Knüppel, um sich zur Wehr zu setzen. Irgendwann so gegen neun Uhr schlichen sie dann etappenweise abwärts und Helmuth sogar als Erster.

Nein, nichts. Niemand mehr da. Im Keller sah es aus, als hätten die Wandalen gehaust, die Kellertür stand weit offen. Alles, aber auch alles war durchwühlt worden und natürlich auch alle Matratzen aufgeschlitzt, das Seegras überall verteilt. Sie hatten restlos alles gefunden und mitgenommen. Drei Messer vom Tafelsilber der Eltern fand Charlotte noch in einem Matratzenzipfel und bei der Gelegenheit kullerte ihr noch der Aquamarinring ihrer Mutter entgegen, den der Vater jener zur Verlobung geschenkt hatte. Charlotte fiel weinend inmitten des Drecks und Durcheinanders auf die Matratzen und auch ihr Bruder konnte sie nicht trösten.

 

*

 

Das Straßenbild begann sich langsam aber gründlich zu wandeln. Das Kriegsende war nun amtlich, auch wenn es Wochen dauerte, bis sich irgend etwas tat. Jetzt fuhren Jeeps mit Patrouillen von MP und anderem Militär durch die Straßen. Überall fanden sich öffentliche Bekanntmachungen der neuen Herren. Es  gab Ausgangssperren und viele Bereiche, wie etwa die alten Rüstungsbetriebe und das Hochofenwerk, waren zum Sperrgebiet erklärt worden. Kein Deutscher durfte mit den "Besatzern", wie sie recht schnell genannt wurden, persönlichen Kontakt aufnehmen. Dafür sorgte das "Fraternisierungsverbot".

Über Nacht (im wahrsten Sinne des Wortes) fand Helmuth die Frau seines Lebens, die in dieser wirren und gefährlichen Zeit dringend seines Schutzes bedurfte. Bis die Tommies, die Engländer, die Besatzer, hier jetzt richtig Fuß gefasst hatten, gab es einen" Rechtsfreien Raum".

Strolche und Ganoven jeglicher Couleur hatten freies Feld und die moralische Rechtfertigung für diese war: In Zeiten wie diesen "müsse jeder sehen, wo er bleibt".

Charlotte saß jetzt allein in dem großen Haus und das Telefon war requiriert worden. Gelegentlich schlief ihre Freundin Irmchen bei ihr, aber trotzdem hatte sie Angst. Eines Nachts waren wieder Leute im Keller, als sie allein zu Hause war und sie ängstigte sich schier zu Tode. Es war ja auch nicht so wie heutzutage, wo man einfach in ein Geschäft geht, um sich ein paar solide Einbruchssicherungen zu kaufen. Es gab einfach nichts. Nicht einmal Materialien um sich selbst etwas zu basteln. Alle Rohstoffe waren im Krieg  von den Rüstungsbetrieben absorbiert und irgendwann über England oder Frankreich abgeworfen worden.

Nach dieser Nacht marschierte Charlotte mit dem Protokoll des ersten Einbruchs, das noch von der deutschen Polizei erstellt worden war, zur nächsten Standortkommandantur der Engländer. Einem freundlichen Offizier, zu dem sie vorgelassen wurde, radebrechte sie ihre Not, wobei sie dann auch noch ein paar Tränen vergoss.

Er verstand sie und versprach "die junge Fraulein" Hilfe. Ein Wunder geschah. Sie bekam ein Schreiben, in dem ihr zugesichert wurde, dass ein Armeeangehöriger in dem Straßenabschnitt, der als Risokobereich eingestuft worden war, nächtens Streife gehen sollte.

Nur drei Tage später sah sie diesen Mann zu ersten Mal.

 

*

August 1945:

Die Sonne beginnt jetzt schon so gegen zwanzig Uhr unterzugehen.

Dabei ist es kaum sieben Wochen her, dass Mittsommernacht war.

Charlotte steht sinnierend am Küchenfenster, schaut durch die geschlossenen Gardinen über den kleinen Vorgarten hinweg auf die Straße.

Dort steht er. Nicht gerade Gardemaß. Nur wenig größer als sie, Charlotte, selbst. Das ist kein Kunststück, denn sie misst kaum einssechzig. Überhaupt gibt es kaum etwas Außergewöhnliches an ihm. Er ist weder besonders schön noch unansehnlich. Nun gut, die Uniform. Für Uniformen hatte sie von jeher ein Faible. Woher das kam, weiß sie nicht, hat sie sich auch nie Gedanken drum gemacht.

Nichts ist in seiner äußeren Erscheinung, was sie in irgendeiner Weise angezogen hätte. Keine athletische Figur, soweit man das mit Bekleidung feststellen kann. Dafür ein sehr kurzer Haarschnitt mit einem fast kahlen Hinterkopf auf einem relativ kurzen Hals. Ein dezent fliehendes Kinn und eine gesunde Gesichtsfarbe runden das Bild ab.

Gestern hat er an der Tür geklingelt, als sie in der Waschküche war, um ihr zu sagen, dass das Baby schreit. Ihr Blick in sein charmant lächelndes Gesicht ließ seine Augen kurz aufleuchten. Sie musste sich fast an ihm vorbei aus der Tür drängeln, denn er machte keinerlei Anstalten, beiseite zu treten. Sie holte Klaus aus dem Kinderwagen, der dort mit einem alten Stück Gardine gegen Insekten abgedeckt im Vorgarten stand. Der Soldat lächelte immer noch, machte jetzt sogar Platz, aber es hatte nicht den Anschein, als wolle er wieder auf seinen Posten gehen. So ließ sie die Haustür weit offen stehen und auch die Küchentür. Alles andere hätte sie als unhöflich empfunden.

Angespannt versuchte sie, in ihrem Schulenglisch zu kramen, um zumindest ein paar belanglose Worte zu sagen, während sie Klaus auf den Küchentisch auf eine ausgebreitete Decke legte.

"Do you like Germany?" fragte sie, während sie den Lütten von seinen viel zu warmen Kleidungsstücken befreite. Sie verstand nur die Hälfte der Antwort, mochte aber nicht nachfragen. Ein Fläschchen mit Säuglingstee wärmend, überlegte sie krampfhaft, wie sie wohl die Konversation fortführen, beziehungsweise überhaupt erst richtig in Gang bringen könnte.

Sie nahm das Kind auf den Arm, ging zur Küchentür, um den Soldaten an der Haustür lehnend sehen zu können und lud ihn einfach ein, hereinzukommen. Es dauerte dann wohl geschlagene zehn Minuten, bis sie vestanden hatte, dass er das grundsätzlich nicht ohne offiziellen Grund tun dürfe und heute schon besser gar nicht, weil ein Offizier Kontrollstreife fährt, mit dem er sich nicht besonders gut versteht. Aber morgen, so versicherte er, wolle er etwas für das Baby mitbringen.

Während der ganzen eher lustigen Unterhaltung, Charlotte begann sich spürbar zu entkrampfen, sah er sie intensiv mit wechselndem Gesichtsausdruck an. Aber es war nicht die Art von Anstarren, die Charlotte sonst von den Männern kannte, die sie offensichtlich begehrten. Es war ein forschender Blick und sie wurde das Gefühl nicht los, als würde er in ihrem Gesicht lesen. Dabei war ihr dieser Gedanke gar nicht unangenehm.

Sie spürte wieder ganz deutlich die Sehnsucht nach Geborgenheit und Beschütztwerden und groß und deutlich stand vor ihr das Gespenst der inneren Einsamkeit auf, das sie auch schon aus der Zeit der Überbehütung im Elternhaus als unliebsamen Begleiter kannte. Diese Einsamkeit war schließlich auch einer der Gründe ihrer Flucht aus dem Elternhaus und zu den Männern gewesen.

Nur hatte sie dann leider bei den Männern das Gesuchte nicht gefunden. Stattdessen deren unersättliche Lust, Geilheit und Sexualität. Eine Zeit lang hatte sie versucht, mit eben dieser Sexualität das Defizit der anderen Sehnsüchte auszufüllen. Aber das klappte nie richtig ‑ und dann schon gar nicht mehr, wenn das sexuelle Interesse des jeweiligen Mannes an ihrem Körper langsam nachließ. 

Sie schreckte auf, weil die Augen des Soldaten sie jetzt schon fast starr anblickten und sie sah, dass sein Mund Worte zu formen schien. So schnell sie diesen eben gehabten wirren Gedankenzug geentert hatte, so schnell sprang sie auch wieder ab und bat um Wiederholung der letzten Frage.

"It doesn't matter" ,sagte er und lächelte weiter, jetzt eher verschmitzt oder amüsiert. Sie fragte ihn, ob sie etwas Falsches gesagt oder getan hätte, doch er verneinte.

 

*

Und jetzt steht sie hinter der Gardine und traut sich nicht, vor die Tür zu treten, um ihn zu begrüßen. Schlicht, weil sie Angst vor seinem Blick hat. Schon wieder ein neuer Mann? Schon wieder sich selbst verlieren in den Gefühlen für einen anderen? Als verheiratete Frau? Mit einem Besatzer?

Charlotte, hast  Du nicht alle beisammen? Du bist nicht recht bei Trost!

Ja, denkt sie ironisch, als ihr diese Fragen kommen, genau das ist es:

Trost! Sie sucht dringend Trost. Außer Irmchen war da kaum jemand, der zu ihr hielt.

Helmuth kam nur noch selten, hatte  jetzt einen anderen Mutterersatz.

Und die Nachbarn, die hatten doch von jeher mehr oder weniger offen mit dem Finger auf sie gezeigt. Das war doch die, deren Vater ein großer Nazi gewesen ist. Demnächst liefen schon die ersten "Entnazifizierungsverfahren".

Natürlich waren sie alle nur gezwungenermaßen der Partei beigetreten.

Der Uniformierte bleibt stehen, zündet sich eine Zigarette  an und blickt zum Küchenfenster hinauf, von dem Charlotte unwillkürlich zur Seite weicht, obwohl ihr im selben Augenblick klar wird, dass er sie gar nicht sehen  kann.

Klaus ist schon in seinem Bettchen und sie ist etwas ratlos darüber, was sie jetzt wohl tun soll. Sie schaltet das Küchenradio ein, welches darauf immer zuerst mit einem lauten Krachen antwortet, als wolle es gegen die Ruhestörung protestieren. Mit dem Erglimmen des magischen Auges blendet sich langsam Musik ein. Töne einer Bigband. Das ist eine Musik! Die konnte sie noch vor wenigen Monaten nur mal heimlich hören, wenn außer ihr niemand im Hause war. BBC ‑ und dann war sie jedesmal auch peinlich darauf bedacht, die Skala auf einen anderen Sender zu drehen, bevor sie wieder abschaltete. Ja - mal wieder  so richtig tanzen gehen! Und dann zu dieser Musik! Und dann vielleicht mit dem charmanten Soldaten da draußen!

Energisch wischt sie den Gedanken beiseite und schilt sich eine dumme Gans.

Sie findet sich traumverloren am Küchentisch sitzend wieder, als die Türklingel sie hochschreckt. Es ist fast dunkel draußen. Sie erwartet keinen Besuch. Wer sollte schon kommen? Sie wundert sich tatsächlich über sich selbst, dass sie überrascht ist, als sie die Tür öffnet.

Er ist es, wartet kaum, dass sie ihn hereinbittet, tritt ein und schließt die Tür sogleich hinter sich. Sie gehen beide fast gleichzeitig und wie verabredet in die Küche und sie macht kein Licht. Sie hat Angst, ihn deutlich zu sehen, seinem Blick zu begegnen.

Sie stehen einander mit wenig Abstand gegenüber und sie sieht in seine faszinierenden Augen und dass er sich offensichtlich heute nicht rasiert hat. Sein Blick ist ernst, obwohl die kleinen Fältchen um die Augen herum Lächeln signalisieren. Er drückt ihr ein in Papier gewickeltes Päckchen in die Hand und bedeutet ihr, es zu öffnen. Sie legt es auf den Tisch, wickelt es aus und ist gestimmt wie Weihnachten, wie bei der Bescherung.

Haferflocken, Trockenmilch, Schokolade und ein Päckchen Zigaretten kommen zum Vorschein.

Beinahe fällt sie ihm um den Hals, wie er da nun so über Eck zu ihr am Küchentisch sitzt, aber so gerade eben gelingt es ihr noch, sich zu fangen.

"Danke", sagt sie einfach auf Deutsch und ebenso antwortet er: "Bitte."

Nun weiß sie schon wieder gar nicht, was sie als nächstes sagen soll und nestelt an ihrer Kittelschürze, ärgert sich darüber, dass sie diese vorm Öffnen der Tür nicht ausgezogen hat.

Irgendwie wird es ein amüsanter Abend. Sie kocht ihm Malzkaffee, den er gar nicht kennt und er verspricht ihr, morgen richtigen Bohnenkaffee mitzubringen. Sie zeigt ihm den Weg über die Kellertreppe in den Garten und von dort aus zur Straße, denn er muss ab und zu seinen Streifengang machen, falls er selbst kontrolliert wird, was auch vorkommt.

Die Unterhaltung gestaltet sich zusehends einfacher, da er ein paar Brocken deutsch kann und ihr vermehrt Vokabeln aus dem Englischen einfallen. Einmal lachen sie so laut über eine Begebenheit aus seiner Schule, dass Kläuschen sich meldet und Charlotte ihn trösten und in den Schlaf singen muss.

Mittlerweile sitzen sie im Wohnzimmer, das zum Garten hinausgeht. Sie hat die kleine Stehlampe in der Raucherecke angemacht und dazu die Übergardine zugezogen. Für die Mücken, sagt sie und lacht. "Gegen", sagt er und lacht noch mehr. Sie kommen sich näher, aber es gibt keine Berührungen an diesem Abend. Sie muss nun doch in seine Augen sehen und dabei wird ihr Gesicht ganz ernst. So als hätte sie Angst davor.

Aber das Licht ist so gedämpft, dass sie heute das Forschende, Fesselnde und Stechende in seinem Blick nicht so wahrnimmt.

Sie erzählen sich gegenseitig aus der Kinder‑ und Schulzeit und immer wieder gibt es lustiges Nicht‑ oder Missverstehen. Er hat sich seiner Militärjacke entledigt, sie auf den kleinen Schemel gelegt, den Charlotte abends oft zum Hochlegen ihrer Füße benutzt und präsentiert einen untersetzten stabilen Oberkörper. Den obersten Knopf seines Hemdes öffnet er und gibt damit den Blick frei auf ein Büschel dunkler Haare, die im Kontrast zu seinem aschblonden Kopfhaar stehen. Zum ersten Mal kommt ihr der Gedanke, wie alt er wohl sein mag. Sogleich hat sie die Frage ausgesprochen. Achtundzwanzig, gibt er zur Antwort. "And you?" lautet die Gegenfrage.

Sie ziert sich und versucht ihm zu erklären, dass es in Deutschland unüblich sei, eine Dame danach zu fragen. Dann spielen sie das alte Ratespiel und sie kokettiert und er schätzt sie, natürlich als Kompliment gedacht, zu jung ein. Sechsundzwanzig, gesteht sie verschämt.

Eine plötzliche und etwas längere Pause an dieser Stelle ist ihr peinlich, haben sie doch bisher noch nicht von sehr persönlichen Dingen gesprochen. Er schaut sie unverwandt an, bis sie seinem Blick ausweicht, sich abwendet und nervös und zittrig eine Zigarette aus der Packung fummelt. Er gibt ihr Feuer und berührt dabei unnötigerweise mit der linken Hand die ihre, die kaum die Zigarette richtig halten kann. Sie streicht sich eine Locke aus dem Gesicht und kann ihn jetzt erst   recht nicht mehr ansehen.

"Ich bin jetzt müde", sagt sie und ihr fällt auf, dass sogar durch den dicken Stoff der Vorhänge schon erstes Morgenlicht sickert . Beide sind erstaunt, dass es schon fünf Uhr ist. Während er ungläubig auf das winzige Zifferblatt ihrer Uhr blickt, hält er mit sanft angenehmem Druck ihr Handgelenk fest, will sie näher zu sich ziehen. Langsam, aber energisch zieht sie sich zurück, knipst das Licht der Stehlampe aus, zieht die Vorhänge auf und öffnet die Terrassentür.

"Welch ein herrlicher Morgen", sagt sie zu dem sitzenden Mann, während sie sich, in der Tür stehend zu ihm umblickt, von dem sie nun auch schon weiß, dass er aus Cornwall in England stammt und Edward Douglas Goldsmith heißt und achtundzwanzig Jahre jung ist. Er hat ihr auch verraten, dass er seinen ersten Namen nicht mag, weil er den von seinem unliebenswerten Großvater bekam. Sie soll ihn einfach "Doug" nennen, sagt er, und dabei möglichst nicht an eine Ente denken.

Er staunt über die Vielzahl ihrer Vornamen und beschließt, sie einfach "Charlott" zu nennen, wenn er denn dürfte.

Natürlich darf er.

Nun wirft sie ihn aber raus. Um sechs ist sein Dienst zu Ende. Also muss er sowieso noch ein bisschen patroullieren. Ob er denn wiederkommen dürfe? Natürlich dürfe er, aber ob es denn nicht für ihn zu gefährlich sei? Er meint, lediglich bei dem einen Officer. Und nachts führen die Streifenwagen sowieso entgegen der Anweisung meist nicht.  Da säßen dann die Wachhabenden eher im Kasino.

"Schuuß", sagt er, "Tschüß" meinend, gibt ihr einen Kuss auf die Nasenspitze, während ein Finger ihr Kinn hält. Ein letzter, jetzt schon eindringlicher Blick, der Charlotte  eine Gänsehaut verursacht, dann stapft er die Kellertreppe hinauf. Sie eilt in die Küche und als er zum Fenster hinaufblickt, bewegt sie fast unmerklich nur die Gardine.

Todmüde wankt sie ins Bett, nimmt auf dem Wege dorthin gleich noch den schon leicht im Schlaf nörgelnden Klaus mit, der sich genüsslich an sie schmiegt.

 

*

Anfang September 1945

Noch immer keine Nachricht von Gerhard. Aber was sie wesentlich stärker beunruhigte, war das Ausbleiben ihres Mittelschmerzes. Von wenigen Ausnahmen abgesehen kündigte sich bei ihr auf diese Weise eine Schwangerschaft an. Immer, wenn ihr dieser Gedanke kam, versuchte sie sofort wieder, ihn zu verdrängen.

Nachts träumte ihr, sie würde gerufen. Als sie diesem eher kläglichen und unartikulierten Ruf im Traum nachging, fand sie sich in einem Babyzimmer wieder, das völlig kahl und leer und düster war und in das sie zudem über eine wackelige Treppe und durch eine viel zu enge Tür gelangt war. Das Bettchen war von einem sterilen Weiß, der Säugling nicht deutlich erkennbar, fast wie ein Schemen in einem dichten Nebel.

Fast körperlich spürte sie zwei gegensätzliche Kräfte in sich und keine von beiden gewann Überhand.  Die eine war das dringende Verlangen, dieses kleine Bündel aufzunehmen und an sich zu nehmen, das andere die totale Verweigerung dagegen.

 

*

Ihren "Kampf" gegen Douglas hatte sie schon am dritten Abend total verloren. Sie hatte ganz einfach kapituliert vor seiner wahnsinnigen Ausstrahlung und der ungemeinen Wärme, die sie in seiner Nähe sehr intensiv empfand ‑ und sie fühlte sich wohl dabei. Sie fühlte sich beschützt und geborgen, ja, sie fühlte sich umworben, begehrt, geachtet und respektiert. So war noch kein Mann mit ihr umgegangen.

Schon bald darauf hatten sie sich rückhaltlos ehrlich aus ihrem Leben erzählt und diesmal auch die sehr persönlichen Dinge nicht ausgeklammert.

Ihrer beider Situation stellte sich noch weit komplizierter  dar, als sie geahnt hatten:

Douglas ist verheiratet in England und hat zwei Kinder. Er liebt diese beiden, während er für seine Frau nur noch Gefühle der Zuneigung hegt. Es sei auch nie viel anders gewesen, sagt er, weil er einem ausdrücklichen Wunsch seiner schwerkranken Mutter gefolgt sei, die es, so fürchtete er, noch kranker gemacht oder vielleicht sogar umgebracht hätte, wäre er diesem Wunsch nicht nachgekommen.

Zudem, so betonte er, habe es damals auch keine andere Frau gegeben, zu der er Liebesgefühle gehegt habe.

"Auch dir, Charlott, sage ich nicht von Liebe. Aber ich mag dich sehr gern und ich brauche dich hier", sagte er abschließend, gab ihr einen zarten Kuss auf die Wange und sie beeilte sich, ihm zuzustimmen: Jaja, so ginge es ihr auch.

Dabei gestand sie ihm aber nicht, wie sehr sie von ihm und seiner Art insgesamt, zum Beispiel von seiner Art sie anzusehen, fasziniert war.

Dass er seine Kinder sehr zu vermissen schien, wurde ihr klar an der Art und Intensität, mit der er mit Klaus umging. Einmal hatte er direkt feuchte Augen, als er Klaus abends ins Bettchen gebracht hatte. Klaus erwiderte diese Zuneigung, hatte auch Anfangs kaum Scheu gezeigt.

Sie sahen sich abendlich und Charlotte war froh, dass es weitergehend immer früher dunkler wurde. So konnten die neugierigen Nachbarn wenigstens nicht sehen, ob und wann wer dieses Haus betrat oder verließ.

Jedesmal brachte "Doug", wie sie ihn nun fast ständig mit einem zärtlichen Gefühl nannte, irgendetwas mit. Sie wusste gar nicht mehr, wie Bohnenkaffee schmeckte, und die erste Tasse war ein unaussprechlicher Genuss. Für Klaus gab es Nahrungsmittel und Süßigkeiten, für sie selbst mal ein Stück Seife und, welch ein Luxus, Hautcremes und ein kleines Fläschchen Eau De Cologne. Ja, und natürlich Zigaretten.

Einmal haben sie dann mit Irmchen und deren Freund gemeinsam gefeiert und da hatte Douglas sogar irischen Whisky mitgebracht. Sie versuchte, ihm ihre Dankbarkeit dadurch zu zeigen, indem er nur zu sagen brauchte, was er wohl essen wollte und sie besorgte und kochte ihm, was er mit Hochgenuss direkt verschlang. Das "Organisieren" der Zutaten war nicht allzu schwierig, konnte sie doch den größten Teil der Sonderzuteilungen per Lebensmittelkarten zum Tausch anbieten, oder notfalls auch mal Zigaretten, an denen sie nun wirklich keinen Mangel mehr hatte.

Der Kontakt zu Helmuth gestaltete sich äußerst schwierig. Das besonders seit dem Tag, als er zufällig mal mit seiner Freundin ins Haus geschneit war und dort zu seinem größten Erstaunen einen britischen Soldaten vorgefunden hatte. Natürlich denunzierte er sie nicht, aber er machte ihr schon klar, dass er Charlottes Verhalten aus den verschiedensten Gründen missbilligte.

"Ach," dachte sie so bei sich, "früher musste ich dir unzählige Male aus der Klemme helfen, weil du immer ein Jammerlappen und Feigling warst. Und jetzt, wo es mir endlich mal gut geht, wie und warum auch immer, willst du dich als Moralapostel aufspielen!"

Im allgemeinen ging sie allerdings nicht so leichtfertig mit ihrer Situation um. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, wie das wohl wäre, wenn morgen die Tür aufginge und Gerhard, ihr Mann,  käme herein. Die Anwesenheit Dougs würde dabei nicht das primäre Problem sein. Das hatten sie bereits abgesprochen. Sogar wenn Gerhard ihn im Haus antreffen würde, wüssten sie, was sie ihm glaubhaft erzählen würden.

Schwieriger war es da schon mit den Nachbarn, die mit Sicherheit irgendetwas mitbekommen hatten. Die würden ihm sicher etwas zu hintertragen versuchen, und sei es auch nur aus reiner Boshaftigkeit.

Wenn sie mit sich und Klaus allein war, kamen ihr auch Gedanken darüber, wie sie sich denn zu ihrem Mann stellen solle, falls er denn käme. So tun als sei nichts gewesen und die treu erwartende Ehefrau spielen, das konnte sie sicher nicht mehr, ohne sich dabei als große Lügnerin zu empfinden. Also musste wohl in irgendeiner Form reiner Tisch gemacht werden.

Soweit war ihr das klar, nur über das "Wie" grübelte sie immer wieder.

Knarrte jedoch zur rechten Zeit die Kellertür, schob sie den ganzen Kram beiseite und verdrängte alles, um diese Zeit mit Doug nicht zu belasten. Das gelang ihr auch recht gut. Darüber, ob und wie er sich Gedanken über Frau und Kinder machte, redeten sie selten. Doug schien nicht der Mann zu sein, der alles problematisieren musste und ihr war das nur recht so. Wer weiß, wie diese Aktion für sie ausgegangen wäre.

Sie wollte um keinen Preis dieses geliehene Glück auch nur eine Sekunde früher hergeben, als es denn unbedingt sein musste. Und was dann sein und wie es ihr dann gehen würde, das wäre zu gegebener Zeit zu sehen und durchzustehen.

 

*

Sollte sie mit ihm über ihren Verdacht bezüglich des ausgebliebenen Mittelschmerzes reden? Nein! Um Himmels Willen! Hast Du nicht eben gesagt: "Nicht eine Sekunde früher!"? Das könntest Du damit doch provozieren. Dazu ist doch noch Zeit genug, wenn Du dir deiner sicher bist. Oder noch besser: Wenn es nicht mehr zu verbergen ist.

Aber ist das nicht Vertrauensbruch? Und dieser Mann beweist dir doch täglich neu, dass dein Vertrauen in ihn gerechtfertigt ist. Mehr als bei jedem anderen, dem Du vorher vertraut hast, ausgenommen  Papa.

Doch, es war bei Doug wirklich schwer einzuschätzen, welches der fairste und richtigste Zeitpunkt für eine derartige Mitteilung war.

Natürlich hatte sie eindeutig Schiss. Ganz besonders davor, dass dieser Fakt, wenn er denn Tatsache würde, irgendetwas zwischen ihnen verändern könnte, was bisher jetzt alles so wunderbar schön und leicht war.

*

Ende März 1946

Marienkrankenhaus Lübeck.

Kahle weiße Wände, eine weiße Lichtkugel hoch unter der Decke in der Mitte des Raumes. Jedes Wort der Hebamme scheint sich tausendfach zu brechen und nur die Splitter gelangen an Charlottes Ohr. Trotzdem nimmt sie nichts wahr.

Mittlerweile zum vierten Mal liegt sie hier, nachdem sie dreimal ergebnislos wieder in ihr Zimmer zurückgebracht worden war. Die Frauen, mit denen sie dort in einem Vierbettzimmer zusammen lag, waren alle nach ihr gekommen, hatten zwischenzeitlich aber komplett entbunden.

"Nun müssen wir aber was machen, Frau Charlotte", sagte die streng wirkende Ärztin, deren graues Haar glatt nach hinten gebürstet und dort zu einem festen Knoten zusammengefasst war.

"Ich will ihnen ja nicht Angst machen", fuhr sie fort," aber wir müssen schon mit Allem rechnen, nachdem Sie uns hier nun schon seit über dreißig Stunden in den Wehen liegen. Also, wir müssen noch einmal versuchen, das Kind zu drehen, denn so steißwärts kriegen sie zarte kleine Frau das ja doch nicht raus. Und bevor uns jetzt die Herztöne noch ein zweites Mal schwach werden..."

Sie hielt inne, putzte ihre Brille und sah Charlotte dabei eindringlich an:  

"Sie haben doch keine Angst? Angst ist nämlich der schlechteste Begleiter für schwierige Wegstrecken! Ich werde mal versuchen, noch ein bisschen Lachgas zu besorgen, dann werden wir eine Drehung vornehmen, tja, und wenn dann alles nichts hilft, rechnen Sie auch damit, dass wir die Zange nehmen müssen!"

Sie tätschelte Charlottes Hand, erhob sich und ging zur Hebamme hinüber, mit der sie unhörbar ein paar Worte wechselte.

Charlotte selbst war viel zu erschöpft, viel zu alle, viel zu entkräftet, um überhaupt noch Angst zu haben. Ihr war fast alles egal, wenn "das da unten" nur irgendwie rauskäme. Irgendwie, egal wie, egal was, nur raus. Ihre ganze Welt, ihr ganzer Individualkosmos war zentriert auf diesen einen Punkt unterhalb des Bauchnabels, der jetzt steril mit einem weißen Tuch verhüllt war.

 

* * *